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Dieses Götterlied schließt sich an die Sprüche des ‚Hohen’ an und wird zur mythologischen Wissensdichtung gezählt. Es handelt sich hierbei um ein Dialoggedicht, die Form für die Weitergabe und Einprägung von Wissen und Kenntnissen im Mittelalter, welche in langer Tradition bis zu Platos Gesprächen zurückführt. In 55 Strophen, wobei die ersten fünf einleitende Funktion haben und einen Dialog zwischen Odin und seiner Frau Frigg abbilden. Hier beschließt Odin, aus Neugierde und um sich zu messen, den Riesen Wafthrudnir aufzusuchen. Anschließend entwickelt sich zwischen Odin, unter dem Decknamen Gagnrad, und dem Riesen ein Wissenswettstreit. Zunächst fragt der Riese den Ankömmling, ab Strophe 20 schlüpft Odin in die Rolle des klug Fragenden. In dieser Form wird grundlegendes mythologisches Wissen über die Entstehung der Welt und ihren Untergang dargelegt. Die Fragen des Riesen befassen sich jedoch mit der mythologischem Namenskunde, während es bei Odin um kosmogonisch und eschatologisch ausgerichtetes Wissen geht. Dieser unterschied war auch dem Schreiber bewusst, über Strophe 20 wurde ‚capitulum’ eingefügt; in einer fragmentarischen Edda-Überlieferung beginnt das Lied sogar erst ab dieser.
Odin beendet den Wettstreit mit einer Frage, welche der Riese unmöglich beantworten kann; sein Tod wird jedoch nicht direkt dargestellt.

Kein Mensch weiß, was du in Urtagen
dem Sohn ins Ohr sagtest;
mit todgeweihtem Mund sprach ich mein altes Wissen
und vom Ragnarök.
Nun erprobte ich mit Odin mein Redegeschick,
du wirst stets der Weiseste sein (Str. 55)

Lieder Edda | Götterlieder: Wafthrudnirlied