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Dieses Götterlied greift auf das Ende der vorhergehenden Schilderungen zurück; Nachdem Thor Hymirs Kessel gewinnen konnte, begann das Festmahl der Götter bei Ägir. Bis auf Thor, der wieder auf Abenteuerfahrt ist, sind alle Götter versammelt. Hier beginnt nun Lokis Auftritt. Er ist der umstrittenste und trügerischste der Asen, wird in der Wissenschaft aber auch als Trickster bezeichnet. In einer Spottrede greift er nun das gesammelte germanische Pantheon an und verschont keinen; all die Göttinnen bezeichnet er als mannstoll uns lasziv, einige würden sogar Inzest begehen, Bragi sei feige, Odin würde oft den falschen Männern zum Sieg verhelfen und erinnert Njörd daran, dass er als Geisel der Nachttopf Hymirs Tochter gewesen ist, welche ihm in den Mund urinierte.
Während die Asen versuchen, sich gegen Lokis Verleumdungen und Angriffe zu verteidigen, droht der zurückgekerhte Thor ihm nur immer wieder mit den selben Worten:

Schweig, unmännlicher Wicht! Dir soll mein Krafthammer
Mjöllnir, die Rede rauben;
mit der rechten Hand schlag ich Hrungnirs Töter auf dich,
sodass dir jeder Knochen bicht. (Str. 61)

In einem endenden Prosastück wird erläutert, wie Loki vom den wütenden Göttern an einen Stein gebunden und mit tropfendem Gift aus einer Schlange gefoltert wird.
Da nicht alle geschilderten ‚Götterpeinlichkeiten’ und Anfeindungen Lokis belegt sind, darf von einem Anteil freier Erfindung des Autors ausgegangen werde, einige Ereignisse sind jedoch bekannt, z.B. aus der SnE. Mit seiner teils derben und amüsanten Sprache gehört diese Spottrede zur Dichtungsart der Schmäh- und Spottlieder, in denen es nicht unüblich ist, außerhalb der göttlichen Sphäre, im Burlesken, zu dichten.
Die zeitliche Einordnung der Lokasenna ist nicht eindeutig zu beantworten; da Götterschmähungen auch in intakten Religionen möglich sind, könnte es älterer Art sein. Für eine jüngere Einordnung spricht das Argument, dass Aufbau und Handlung dieser Senna an antike Göttersymposien erinnern, die im 12. Jh. in Island durchaus bekannt gewesen sein dürften.

Lieder Edda | Götterlieder: Lokasenna - Lokis Spottrede