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Snorra Edda | Inhalt: Gylfaginning (S. 2)

Durch die Antworten der drei Könige erschafft Snorri eine einzigartige und groß angelegte Mythografie des heidnischen skandinavischen Glaubens sowie eine vollständige kosmologische Topografie, in der alle Wesen ihren angestammten Platz haben.
Als Grundlage für dieses umfangreiche mythologische Wissen dienten sicher einige Lieder der Edda, wobei die ‚Weissagung der Seherin’ neben ‚Grimnirs Lied’ und ‚Wafthrudnirs Lied’ am häufigsten zitiert werden. Auch griff Snorri auf Verse des verlorenen ‚Zauberlied Heimdalls’ zurück. Es ist jedoch sicher, dass der Kompilator dieser Mythologie auch auf mündlich tradiertes Wissen und sicher auch auf bis heute unbekannte Vorlagen zurückgegriffen hat. Inwieweit Snorri selbst als Schöpfer einiger mythischer Sagen in Frage kommt, kann bis heute nicht beantwortet werden, wird aber besonders für die ausschmückenden Prosateile angenommen.
Die skandinavische Mythologie wird im Gylfaginning als in sich geschlossenes System unkritisch geschildert, dennoch wird davon ausgegangen, dass es auf verschiedenen Ebenen aufgebaut ist:
Die Rahmenerzählung schildert die historische Realität, im offenkundigen Zauber der Asen wird die Göttermythologie in Dialogform geschildert.
Die Frage danach, ob Snorri Christ war, warum er die heidnischen Mythen wiedergab und sie nicht direkt in Frage stellt oder kritisiert und wie viel Christliches in der SnE steckt beschäftigt die Forschung bis heute und kann ganz unterschiedlich beantwortet werden.
Als recht sicher angenommen wird, dass Snorri, 200 Jahre nach der Christianisierung Islands gläubiger Christ war. Durch seine Ausbildung in Oddi und die Kontakte zum europäischen Festland stand er in Kontakt mit den christlichen Lehren. Die theologische Zurückhaltung in seinen Werken deutet nicht darauf hin, dass er selbst gläubiger und praktizierender Heide gewesen ist. Durch den offenkundigen Euhemerismus in Prologus und Gylfaginning sowie die Zauberei, in welcher die Asen agieren, rückt seine Ausführungen in den Bereich des Fabelhaften. Somit wird die Gefahr umgangen, dass die geschilderten Mythen als ‚wahr’ angesehen werden könnten. Innerhalb dieser ‚Umzäunung’ des Blendwerks können sich die Göttergeschichten dann aber umso fantasievoller entfalten.
Bei allen Ausdeutungsversuchen ist jedoch zu beachten, dass die SnE als Skaldenlehrbuch dienen sollte und das mythologische Wissen über die alten heidnischen Götter und Gegebenheiten unabdingbar dafür sei.
Durch seine Auswahl, Anordnung und Weiterführung mythischen Stoffes und christlicher Ansichten enthält die SnE sowohl heidnische als auch christliche Elemente, ohne dass dabei der Stand einer christlichen Offenbarungsgelehrtheit o.ä. erreicht wird.